Die Hitze liess keine grossen Tagesaktivitäten zu, und deshalb verbrachten wir einen grossen Teil auf der Strasse, um nach Teheran zu gelangen. Obwohl wir auch hier wieder die Bergstrecke über das höher gelegene Khalkhal wählten, wurde es am Tag brütend heiss. Und so schön die vielen Fenster bei Selma auch sind, so empfindlich ist sie auch auf die Temperaturen. So machten wir immer mal wieder einen Halt, um uns und Selma etwas abzukühlen. Obwohl die wunderschöne Bergroute von Khalkhal nach Rascht immer wieder kühlende Bäche als Erfrischungsmöglichkeit hätte, blieben uns diese Vorbehalten. Die strikten Regeln im Iran liessen es nicht zu, dass Mann und Frau leicht bekleidet im Fluss badet. So tünkelten wir unsere Füsse wie alle anderen ein bisschen im Wasser, und gaben uns damit zufrieden. Fast zufrieden. Am Abend fanden wir ein gemütliches Plätzchen, wo man sich versteckt auch mal ganzkörperlich erfrischen konnte. Aber wir waren natürlich mal wieder nicht allein. Wo auch immer man an einem Plätzchen an der Bergstrasse hielt, es scheint als möchte ganz Iran der Sommerhitze etwas entfliehen und im Schatten bei Tee auf der Decke entspannen. Das Hobby Nr.1 praktisch aller Iraner. Eine Familie kam interessiert zu uns, und brachte uns immer mal wieder zuerst einen Apfel, dann frischen Bienehonig bis zum Shashlik. Also wieder nichts mit einem ruhigen Abend zu zweit. Um auch unseren Teil beizutragen bereiteten wir Schlangenbrot zu und gesellten uns zu ihnen, wo es mit viel Gelächter, Selfies und brachialem Englisch einen langen Abend bei einer feinen Ash-e-Doogh Suppe (eine traditionelle, Yoghurt-basierte Suppe) wurde.

Am nächsten Tag weiter in der Hitze geht es über Rasht in die Stadt Qazvin, wo wir quasi ein Appetithäppchen an Teheran erhielten. Die Stadt war sehr übersichtlich, und trotzdem beherbergt sie wunderschöne Moscheen, einen lebendigen Markt und alte Stadtmauern. Auch hier fanden wir einen perfekten Platz an einem Park, natürlich wieder nicht alleine. Und natürlich brachte der Nachbar auch hier wieder Gurken und Äpfel vorbei, und wollte uns wieder mit gebrochenen Englisch zum Abendessen einladen. Irgendwie schafften wir es, dankend abzulehnen (der Vorwand nicht genau verstanden zu haben, was er möchte hilft manchmal) und so machten wir uns auf, zu Fuss Richtung Stadt. 1 Minute später stand der Nachbar mit seinem Motorrad neben uns. Wo wir hin möchten, er fährt uns. Und hier erfuhr wohl er wie auch ich unseren ersten kulturellen Schock im Iran. Trotz den Kleidervorschriften als Frau versuche ich, die Verschleierung hitzeentsprechend zu optimieren, und trug die meiste Zeit einen knöchellangen Rock, mit Socken aber ohne Hose darunter, wie das sonst die meisten Frauen hier machen. Das fällt eigentlich überhaupt nicht auf. Das Konzept geht aber leider nicht auf, wenn man sich auf ein Motorrad setzt und der Rock sich hochspannt. Egal wie sehr ich versuchte, das Angebot abzulehnen, in seinem Unwissen beharrte er natürlich darauf, uns in die Stadt zu fahren. Also dann, rauf auf den Töff. Meine Waden waren bestens sichtbar. Er bemerkte dies natürlich auch, konnte die Fahrt aber aus Höflichkeitsgründen auch nicht mehr ablehnen. So fuhr er uns äusserst nervös einige 100 Meter, und setzte uns anfangs der Stadt (es war wirklich nicht weit) wieder ab. Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben, unangenehm war es uns beiden. Iranische Kulturlektion Nr. 1: Setz dich nie auf einen Töff ohne Hosen.

Am nächsten Tag hiess es dann wieder einmal, ab ins Getümmel, ab in die Hitze, Teheran, wir kommen! Auf dem Weg mussten wir wieder tanken. Dieses Mal versuchten wir es bei den LKWs. Nachdem wir ihnen erklärt hatten, was wir brauchen, nahm ein Fahrer kurzerhand den Tankstutzen weg von seinem LKW und füllte uns den Tank. Geld wollte er natürlich keines. So fuhren wir vollgetankt in die Stadt, mitten ins Verkehrschaos. Denn Regeln gibt es hier keine. Die Fussgängerstreifen sind überflüssig. Sie werden weder von Fahrern noch von den Fussgängern berücksichtigt. Man schlängelt sich einfach irgendwie durch. Zum Glück ist Selma nicht zu übersehen und so schaffen wir es ohne Unfall zum Hostel.

Die Hitze und die Stadt sind zwei Faktoren, welche uns schweren Herzens für die paar Tage in Teheran von Selma trennen lässt. Und dann ist da natürlich noch der Zusatztank. In den Stan-Ländern wird der Diesel knapp, und so soll Selma noch einen weiteren Tank bekommen, damit wir auch sicher über die Runden, bzw. Kilometer kommen. Wir haben eine Garage von den 4×4 Fahrern, welche wir in der Ukraine getroffen haben empfohlen bekommen, und suchten diese entsprechend auf. Amir, ein Bekannter der Bekannten, führte uns zur Garage. Er klopfte zwei, drei Mal an ein verschlossenes Tor, bis nach kurzer Zeit ein Schloss geöffnet und wir reingelassen wurden. Standort-Marketing kennen sie wohl nicht. Oder, wie sich herausstellt, haben sie nicht nötig. Salim und Saroush, Vater und Sohn betreiben die Garage mit grösster Leidenschaft. Die beiden empfingen uns herzlich und mit guten Englisch, und zeigten uns erstmals ihre eigenen Rallies und Trophäen, welche sie durch die Rennen alle bereits gewonnen haben. Echte Profis also, die ihre Maschinen von A-Z verstanden. Bevor wir aber zum geschäftlichen kamen, wurde erstmals Schnaps und Essen aufgetischt. Ein Kollege nach dem anderen klopfte an das Tor und stiess zur geselligen Runde hinzu. Das wird also doch nichts mit dem iranisch alkoholfreien Monat… Zum geschäftlichen kamen wir entsprechend auch erst am nächsten Tag, als wir Selma vorbei brachten. Ein Zusatztank sei selbstverständlich möglich, nur sei dieser schwierig zu besorgen. Und Preis- und Zeitangaben wollte er natürlich keine machen. Auch das lernten wir von der iranischen Kultur. Alles ist irgendwie machbar. Aber wie und zu welchen Konditionen erfährt man erst am Schluss. Naja, wir liessen uns dadurch mal nicht beunruhigen und machten uns auf Sightseeingtour. Die frühere U.S. Botschaft, welche 1979 gestürzt und nun in ein Museum umgewandelt wurde zeigt krass die anti-amerikanische Haltung der iranischen Regierung.

Es werden keine Zweifel gelassen, wer der Feind ist

Ein weiterer Punkt auf unserer Agenda in Teheran war das Turkmenistan Visum. Es war ja bereits kein Leichtes, das Visum in Baku zu beantragen (siehe …) aber dass das Abholen noch komplizierter wurde.. Naja. Wir machten uns auf jeden Fall mal auf zur Botschaft. Zuerst mal die gute Nachricht, wir erhalten das 5-Tages-Transit Visum! Die Schlechte, wir mussten genau angeben, wann und wo wir einreisen und wieder ausreisen. Und nochmals 55 Dollar pro Person bezahlen. Das hatten wir natürlich nicht erwartet, und so kamen wir in zwei Tagen nochmals. Mit einem klaren Reiseplan und 110 Dollar. Was sie uns nicht gesagt haben, die US Dollar müssen neu sein, das heisst vom Jahr 2009 oder jünger. Natürlich hatten wir nur Noten von 2006 dabei. Und wenn Turkmenistan neue Noten möchte dann kommen auch wir nicht drumherum. Was auch immer ihnen neuere Noten bringen sollen. Glücklicherweise kam ein Portugiese, welcher das Visum erst beantragte und noch ein paar neue Dollarnoten zum Tausch hatten, sodass wir unser Visum nach langem Hin und Her schlussendlich in unserem Pass hatten. Jippie, 5 Tage Turkmenistan!

Mit dem Portugiesen zogen wir dann auch weiter und wurden auf dem Weg spontan von einem jungen Iraner zu sich nach Hause genommen. Dort zeigte er uns erstmals seine Teppichsammlung und die seines Vaters, und schenkte uns einen Vodka ein. Mit Eis aus der Kühlschrankeismaschine. Neben den vielen Arbeitslosen, welche trotz top Ausbildung in der Metro ihre Brötchen, Kaugummis oder BHs verkaufen um wenigstens ein bisschen etwas zu verdienen, gibt es sie wohl doch noch, die reiche Schicht.

Neben den Sehenswürdigkeiten wie der Tabiat-Brücke, dem Golestan Palast und dem Holy Defense Museum lernten wir in Teheran vor allem die iranische Kultur kennen. Alkohol trinkt hier jeder, der möchte. Entweder man stellt ihn selbst her, kauft Ethanol in der Apotheke und verdünnt ihn oder man bestellt ihn über eine bestimmte Nr. und erhält ihn, wenn auch sehr teuer, von einem Mann in Anzug und Aktentasche persönlich nach Hause geliefert. An der Regierung wurde von niemandem ein gutes Haar gelassen. Die streng islamisch auferlegten Regeln werden vor allem von den Jungen missbilligt und versucht zu umgehen. So wurde bspw. Eine App entwickelt bei welcher man sah, wo sich die Sittenpolizei gerade aufhält. Und diese ist überall. So wurden wir, als ich mich von einem deutschen Kollegen per Umarmung verabschieden wollten, schnellstens unterbrochen. Iranische Kulturregel Nr. 2.: Umarme nie eine Person anderes Geschlechts in der Öffentlichkeit. Und trotz Widerstand sind die Regeln tief in der Gesellschaft verankert. Sieht man irgendwo eine Frau, welcher das Kopftuch ‚heruntergerutscht‘ ist wird sie sofort angestarrt. Erlaubt sich eine sogar auf der Strasse zu tanzen, wird verstört ausgewichen. Insofern hat die Regierung ihr Ziel, auch wenn sie in den letzten Jahren kolanter wurde, zumindest ein Stück weit erreicht. Vor wem sich die Regierung jedoch hüten muss, sind die Marktleute. Beim grossen Basaar, wo man jegliches Erdenkliche kaufen kann und zu jeder Zeit ein buntes Treiben herrscht, ist das Zentrum des Austausches, und wenn die Leute nicht zufrieden sind, dann wird man es ganz bestimmt dort zu spüren bekommen. Doch auch wenn die Iraner nicht mit der Regierung und ihrer Politik zufrieden sind, und der Rial Achterbahn fährt, so sind die Iraner doch extrem positive Leute. Auch wenn man sie über die aktuellen Spannungen bezüglich den USA fragt, lassen sie diese kalt, denn das ist ja ‚nichts Neues‘.

Der Grand Bazaar

Der Golestan-Palast

Und weitere Impressionen aus Teheran

Auch konnten wir mit Zahra, welche wir beim Neor Lake kennen gelernt hatten am morgen um 4.30 Uhr auf den Tochal, den Hausberg von Teheran, welchem sich am Donnerstag und Freitag, dem iranischen Wochenende jung und alt annimmt. Teils mit Sandaletten, teils mit Gamaschen ausgerüstet.

Hin und wieder statteten wir auch der Garage einen Besuch ab und teilten mit der geselligen Runde unser letztes Fondue. Wir hatten eine lustige Zeit dort. Dass es mit dem Zusatztank klappt, konnte er uns jedoch erst ein paar Tage später mitteilen. Natürlich brauchte er noch einige Tage für das anmechen, und so fuhren wir mit dem ÖV für ein paar Tage in die kühlen Berge, um den Alam Kuh, den 2. Höchsten Berg Irans mit 4800m zu besteigen.

Zum Schluss “Fondue isch guet”=)

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